Ein Text ist kein Buch.
Ein Buch ist ein Buch.

Ein Buch von Zvi Szir mit 17 Illustrationen zu den Werkzeugen des Denkens und unserer Möglichkeit sie zu meistern. Ein dreifaches Buch: ein gedankliches Werk, ein Taschen-Kunstband mit graphischen Werken und ein schöner Gegenstand.

5. September bis 5. Oktober 2017 – Vorbestellen bei wemakeit.com

Ab jetzt Bestellungen für 18€ inkl. Versand an zvi.szir@neuekunstschule.ch


Obwohl der Text zentral ist und strenge Gedankengänge durchläuft, ist dieses Buch nicht nur als Inhalt gedacht. Das Buch wird schön. Zwei Gestalter haben nächtelang daran gearbeitet, es zu einem besonderen Ort des Lesens zu machen und 21 Tuschezeichnungen wurden für den Druck geschaffen. Ich glaube, es macht nur Sinn, Papier zu benutzen, wenn das Buch selbst ein Werk ist. Geht es nur um den Inhalt, kann man digital bleiben (Lizenz des Buches):

 

Bekenntnis und Dankbarkeit

Ich verdanke die Entstehung des vorliegenden Werkes meiner unsystematischen Auseinandersetzung mit zahlreichen Denkerinnen und Denkern aus drei Jahrtausenden. Ob Philosoph, Mystiker, geistiger Lehrer oder Religionsstifter, ob modern, spätmodern oder aus der Antike, ob westlich oder östlich, sie alle haben meinem Denken zu sich selbst verholfen und ihm die Tür zum Anderen einladend geöffnet. Diesen Menschen und Geistern gegenüber bin ich aus der Tiefe meines ­Herzen dankbar. Ihre Namen aber werden im Buch kaum erwähnt. Bewusst habe ich auf Zitate, Ortsangaben und andere Bezüge zur Geschichte des Denkens verzichtet.

Dies hat zwei Hauptgründe: Weil der vorliegende Text eine Art Arbeitsbuch ist, wollte ich das Nachvollziehen der Gedanken nicht durch bibliografische Hinweise und geschichtliche Exkurse stören. Und ich wollte die volle Verantwortung für das Geschriebene und Gedachte bei mir oder dem Leser belassen, so dass beim Schreiben, Lesen und Denken keine «höhere Instanz» für das Erkennen der Wahrheit bürgen wird.

Meine Dankbarkeit gegenüber diesen grossen Lehrerinnen und Lehrern fand im Text ihren Ort auf eine andere, verborgenere, subtile Form. Ich habe mir erlaubt, bestimmte Gleichnisse oder Deutungen derselben, die Andere vor mir benutzt haben oder die direkt an diese erinnern, im Text zu verbergen. Für unkundige Leserinnen und Leser bilden sie nur noch einen integralen Teil dieser Schrift. Den Kennern winken sie entgegen als ein Freundesgruss aus dem Denken eines Anderen. Das Denken ist ein gemeinsames Projekt, das jeder für sich vollzieht. Weil wir im Akt des Denkens aus uns heraustreten, befinden wir uns im Denken bei einem Anderen in einem gemeinsamen Raum. So ist das Erforschen des Denkens einer anderen Denkerin oder eines anderen Denkers eine Art des «bei ihm oder ihr Verweilens» – ein Freundschaft schliessender Akt oder mindestens ein Versprechen einer möglichen Gemeinschaft, die sich in der Einsamkeit des Erkennens vollzieht.

Ohne die Intimität dieser Freundschaft durch die Anonymität des Auflistens und Verzeichnens zu verletzen, bedanke ich mich zu Beginn dieses Werkes bei allen Denkern und Denkerinnen, die Teil haben am Wachsen meines eigenen Denkens. Ich verbeuge mich in Demut und Dankbarkeit angesichts ihrer ­monumentalen Errungenschaften, ohne deren Hilfe selbst dieses kleine Büchlein nicht geschrieben worden wäre. Sie haben mich begleitet und tun es immer noch auf dem langen Weg aus mir heraus, über mich hinaus.

Ein besonderes, spezifisches «Danke» spreche ich ­denen aus, die das Vollenden und Erscheinen dieses Büchleins ermöglicht haben: Natascha Neisecke, ohne deren Ermutigung und Hilfe ich nie begonnen hätte, dieses auf Deutsch zu schreiben. Sie hat es auch auf sich genommen, meinen deutschen Text so weit zu verarbeiten, dass er wirklich relativ deutsch klingt. Philipp Tok und Fabian Roschka, die die graphische Verarbeitung auf sich genommen haben. Avner Hameiri, Kurt Meier, Julitta Krebs und Gabriela ­Neuwirth, die das Manuskript gelesen und kommentiert haben, und Gilda Bartel, die die sprachliche Redaktion des Textes übernommen hat.

Besonders bedanke ich mich bei meiner Frau Irit, die diese Gedanken in ihren evolvierenden Formen mehr als 20 Jahre gehört und mit ihren Fragen zu deren Klärung und Wachstum beigetragen hat. Ich bedanke mich bei den Studierenden der neuekunstschule Basel und bei den Teilnehmern verschiedener Vorträge und Seminare, die, ohne es zu wissen, durch ihr Lauschen und Fragen Teil dieses Werkleins geworden sind. Es sind ihre Fragen, die das Schreiben notwendig gemacht haben.

Weil das Werk, vielleicht jedes Werk, sich an der Zukunft orientiert, ist der massgebende Impuls jeder Schöpfung immer das Kind und als Stellvertreter aller Kinder die eigenen. Ich bedanke mich also bei meinen Kindern, ohne die das Denken viel weniger Spass gemacht hätte.

Zvi Szir

 

^

1/7
Kann man denken lernen?

Die häufigste Reaktion, mit der diese Frage erwidert wird, ist «Nein». Das ist zu erwarten. Wir lernen alles Mögliche – malen, zeichnen, nähen, Sport, Geschichte, basteln, Physik - aber Denken, eine der komplexesten menschlichen Tätigkeiten, meinen wir auf «natürliche» oder gegebene Weise zu beherrschen. Jeder meint, er könne es oder eben nicht, besser oder nicht so gut. Aber wir tendieren zu meinen, dass «es so ist, wie es eben ist». Die es gerne tun, studieren Philosophie, Mathematik oder Naturwissenschaften. Andere werden «Praktiker» oder glauben mehr an «das Gefühl». Fast niemand aber will glauben, dass so etwas wie «eine Schule des Denkens» möglich oder notwendig ist.

Meistens denken wir so, wie wir kochen. Hier und da sammeln wir Erfahrungen, entweder «zuhause» oder bei Freunden oder bei «Fachdenkern» oder nach Rezepten, die wir aus Zeitungen, Medien und Kochbüchern zusammenklauben. Professionelle Köche werden jene, die von Geburt an talentiert sind. Und so auch Philosophen.

In der Tat aber ist das Denken, weil es eine Tätigkeit ist, auch lernbar. Wir können es üben, entfalten und noch wesentlicher: wir können lernen, «wie man es macht». Natürlich gibt es «begabter» und «weniger begabt». Ich muss aber nicht in der Nationalmannschaft spielen, um ein gutes Fussballspiel zu geniessen. Ich muss nur die Regeln kennen und das Spielen beim Spielen üben.

Und doch ist «der Fall des Denken» nicht so einfach. Ich muss die oben gegebenen Bilder relativieren. Auf der einen Seite gibt es für den Akt des Denkens kein Rezept und keine feste Regel, obwohl es bestimmte Formen und Gesetzmässigkeiten enthält und solchen manchmal sogar folgt. Auf der anderen Seite liegt in uns ein tiefes Misstrauen und ein Widerstand gegenüber dem Erlernen des Denkens. Dieser Widerwille ist ein kategorisches Problem:

Beim Denken verlasse ich mich selbst. Ich gehe aus mir heraus. Ich verlasse das Haus und erlebe die Angst des Verlorengehens, des «nicht mehr zu sich selbst ­Findens». Das Denken ist ein Auszug in die Fremde. Wenn ich denke, versetze ich mich in die Welt, wie sie ist, nicht wie ich meine oder wünsche, dass sie sein möge. Auch wenn ich über mich selbst denke, muss ich aus mir heraus, so dass ich immer wieder entdecke, dass ich «nicht so bin, wie ich meinte».

Im Denken fragen wir nach der Wahrheit. Diese stützt sich zwar in ihrer Erscheinung und Sprache auf das, was wir sind, existiert aber unabhängig. Das Denken zieht uns aus dem Subjekt, das wir sind, heraus in eine Welt, die so ist, wie sie ist. Die Abneigung gegen das Denken ist die unbewusste Angst des vom Denker im Denkakt verlassenen Subjektes.

Kehrt der Denkende in sein Subjektsein zurück, um dessen Sprache und Erfahrung als das Medium von Begriffsbildung und Begreifen zu benutzen, wird das Subjekt, wenigstens teilweise, unter der Prägung der gewonnenen Erkenntnisse neu formuliert. In dem Mass, wie das im Denken Erkannte umfassender ist, wird auch das Subjektsein von Neuem erfasst. Also evoziert das Erlebnis des Denkens, mindestens bis zu einem gewissen Grad, das Ende des Subjektes, wie dieses sich selbst formuliert hat, sich selbst kennt. Sowohl das provisorische Aufheben des Subjektes durch das Denken, als auch das neue Formulieren desjenigen, der ich als Subjekt bin, durch die im Denken erlebte Welt, liegen der Abneigung gegenüber dem Denken zugrunde.

Weil wir aus uns heraustreten, weil wir nach dem fragen, was sich von uns unterscheidet, hat das ­Denken auch kein Rezept und keine Regel, kein von uns bestimmtes Vorgegebenes, keine Vorgaben, und das, obwohl es seinem Inhalt nach Gesetzmässigkeiten und Formen enthält. Die Vorgaben, Regeln und Rezepte, die ich in mir trage und kenne, gehören dem Subjekt an, d.h. mir, wie ich mich formuliert habe, bevor ich im Denken hinaustrete.

Hier dürfen wir nicht «Denken» und «logisches Denken» verwechseln. Das Letztere ist nur eine mögliche Art des Ersteren. Es scheint die Regeln der Logik im Voraus zu bestimmen, und dadurch eine Ausnahme zu bilden. Aber bei näherer Betrachtung erweist sich dies als ein Irrtum. In dem Mass, wie wir logisch denken und nicht eine Logik uns vorstellen, müssen wir deren Gesetze immer neu denken. Eine logische Maschine oder ein Denk-Mechanismus kann das Denken imitieren, denkt aber selber nicht.

Will ich die Wirklichkeit ausserhalb des Subjektes erkennen, muss ich meinem Denken erlauben, sich von den Sachen, über die ich denke, formen und neu formulieren zu lassen. Sollen meine Gedanken über die Welt Wahrheit sein, dann müssen die Gesetzmässigkeiten und Regeln, die in den Sachen und Dingen zu finden sind, Inhalt und Form meines Denkens bestimmen. Das Denken erhält Inhalt und Form von dem, was ich zu erkennen strebe. Das Neuerkannte reorganisiert mein Subjekt. Im Denken soll die Wirklichkeit, nicht das Subjekt massgebend und bestimmend sein. Also lasse ich mich führen und formen von dem, worüber ich denke.

So wie ich mich beim Tanzen lernen nicht in meinem Subjekt angegriffen fühle, weil ich die Tanzschritte von einem Anderen lerne, so kann ich es wagen, das Wesen eines Anderen denkend «nachzutanzen». um dessen Form und Gesetze erkennend in mich aufzunehmen. Trauen wir uns diesen Schritt zu, können wir das Handwerk des Denkens lernen.

 

^

2/7
Anfang

Das Ziel des Denkens ist die Wahrheit. Durch das Denken wollen wir wissen, wie etwas ist. Die Wahrheit aber oder der Weg zur Wahrheit stellt uns vor eine Reihe von Fragen: Gibt es eine Wahrheit? Wie weiss ich, dass etwas wahr ist? Bin ich sicher? Handelt es sich nur um Worte? Was ist die Beziehung zwischen Wahrheit, Wirklichkeit und den Begriffen, die sie schildern? (Um nur einige aufzuzählen). Wenn wir also das Denken als die menschliche Tätigkeit beschreiben, deren Sinn, Aufgabe und Ziel im Erkennen der Wahrheit liegt, öffnen sich eine Menge Fragen, die das Zweifeln an Denken und Wahrheit mit sich bringen.

Will ich denken lernen, so wird es meine erste Aufgabe sein, zu klären, was das Denken ist und vermag: Was gehört dazu? Was kann es leisten und was nicht? Vermag ich zu erkennen, was die Bedingungen des Erkennens sind, d.h. wie und unter welchen Voraussetzungen ich etwas weiss, dann entledige ich mich des Ballastes eines trüben Bewusstseinsinhaltes, dessen Undurchsichtigkeit meine Orientierung im Denken so erschwert, wie Nebel auf einer Autobahn das Fahren. Die Forderungen des Denkens enthalten zahlreiche Rätsel, ohne dass es noch künstlicher Unklarheiten bedarf, um es zu einem Abenteuer werden zu lassen.

Die Schwierigkeit liegt in folgendem Paradox: Ich muss über das Denken denken, um das Denken zu klären, um seinen Rahmen und Inhalt zu erfassen, um mir Klarheit darüber zu verschaffen, was ins Denken gehört. Die Tatsache, dass ich diese Problematik erkenne, also denkend ins Auge fasse, zeigt mir, dass ich zu denken begonnen habe, auch wenn dieses noch kein klar gefasstes Denken ist.

Dies ist ein Phänomen, welches ich aus anderen Bereichen des Lebens gut kenne. Ich begann zu laufen, als ich laufen gelernt habe. Hier und da mich stützend bewegte ich mich zwischen den Möbeln, manchmal kurze Strecken selbstständig laufend, dann wieder mich haltend.

Mache ich mir die Bedeutung dieses Paradoxons klar, so habe ich die erste notwendige Erkenntnis: Das Denken beginnt nie bei Null. Ich bin immer schon dabei zu denken, wenn ich beginne zu denken und mein Denken denkend zu befragen. Jedes Wort, das ich irgendwann, schon als kleines Kind, gelernt habe, enthält Gedanken, ist bereits etwas, an dem ich tätig war.

Das Sprechen, das Vorstellen, das Meinen und das Fragen enthalten eine gedankliche Tätigkeit in einer ungeklärten Form, ein «trübes Denken». Als solche bilden sie die Voraussetzung und Vorbedingung meines Denkens, auch wenn sie mit dem klaren Denken nicht zu verwechseln sind.

Im Vorstellen beziehe ich mich auf meine Erinnerung. Ich benutze das, was war als mögliche Erklärung oder Darstellung dessen, was ist oder wird.

Meinung ist immer die Bestätigung, dass ich nicht weiss, dass also die Wahrheit mir verborgen bleibt und ich gerade jetzt nicht dabei bin, nach der Wahrheit zu suchen. Wenn ich im Denken auf der Suche nach der Wahrheit bin, bedeutet «Meinen» gerade, darauf zu verzichten. Meine Meinung ist die Zusammenfassung meiner bisherigen Gedanken, d.h. eines Denkens, welches nicht ausreichend war: «Ich meine, also weiss ich nicht».

Für mich als Denkenden ist es grundlegend zu erkennen, dass ich nie von Anfang an beginne. Jedes Wort, mit dem ich meine Gedanken ausdrücke, ist im Voraus besetzt. Nicht durch einen Sinn, sondern dadurch, dass das Wort eine Vielheit von Meinungen und Vorstellungen sowie Assoziationen und Gefühlen enthält.

Diese Vorstellungen, Meinungen, Assoziationen und Gefühle drücken meine Beziehung zur Welt aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen aus, also nicht, wie die Welt ist, sondern wie ich sie erlebe. Dadurch, dass sie immer im Voraus zu finden sind, dienen sie als Boden und Ausgangspunkt, von dem aus das Denken zu wachsen beginnt.

Werde ich verführt, diese Wurzeln des Denkens in Erfahrung und Sprache zu ignorieren, dann gehe ich mit Sicherheit in die Irre. Ich verliere die Fähigkeit, zwischen der Welt, wie sie ist, und meiner Beziehung zu ihr zu unterscheiden. Die Illusion aber, dass Worte feste, begriffliche Werte sind, also einen ursprünglichen und klaren Sinn haben, ist genauso irreführend wie die Verwechslung meiner subjektiven Vorstellungen mit der Erkenntnis der Wahrheit.

Auch jeder Versuch, zuerst Begriffe oder Worte zu klären, um nachher «denken zu können», ist eine Illusion. Im Klären der Sprache sind wir schon dabei zu denken. Einen Anfangspunkt des Denkens ausserhalb des Denkens gibt es nicht. (Es sollte klar sein, dass jeder Punkt, mit dem eine Reihe beginnt, immer ein Teil dieser Reihe ist. Wenn es sich um einen Punkt handelt, der dieser Reihe nicht angehört, ist es nicht der erste Ausgangspunkt.)

 

^

3/7
Elementare Beziehungen
von Denken und Sprache

Die Tatsache, dass der gleiche Gedanke in verschiedenen Sprachen ausgedrückt werden kann, ist vielsagend. Ich kann z.B. die einfache Erkenntnis «die Tür ist zu» auch als «the door is closed» formulieren. Der Wechsel von deutsch ins Englische hat den Inhalt der einfachen erkannten Tatsache nicht massgebend verändert. Jemand kommt zu mir und sagt: «Please close the door». Ich antworte: «Entschuldigung, leider verstehe ich kein Englisch». Also sagt er: «Können Sie die Tür bitte zumachen?». Ich mache sie zu. Verschiedene Sprachen, gleicher Gedanke.

Je komplexer die Inhalte des Denkens werden, desto schwieriger kann es sein, sie in verschiedenen Sprachen auszudrücken oder zu übertragen. Es kann auch sein, dass bestimmte Gedanken sich besonders klar im Rahmen einer Sprache formulieren lassen, oder dass ein bestimmter Denkstil mit einer Sprache so eng verwoben ist, dass er unübersetzbar wirkt. Alle diese Verhältnisse und Verhaltensweisen von Denken und Denkendem in Bezug zur Sprache (und Weitere), ­widersprechen nicht der Tatsache, die wir an dem ersten, einfachen Beispiel erkannt haben: das Denken pflegt eine gewisse Unverbindlichkeit gegenüber der Sprache.

Ich benötige die Sprache, um Gedanken zu formulieren, aber Gedanken und Sprache sind auf keinen Fall das Gleiche, so dass auch der formulierte Gedanke sich von seinem Inhalt unterscheidet. (Darum haben wir auch zwei verschiedene, nicht synonyme Worte, um sie zu benennen.)

Die Sprache verleiht dem Denken eine Form, bestimmt einen vermittelnden Bereich: jenes Gebiet des Denkens, welches wir aussprechen oder niederschreiben können. Die Schwierigkeit, einen Gedanken zu formulieren, weist auf das Gleiche hin. Wir giessen eine Tätigkeit (das Denken) in ein Gefäss (die Sprache). Dieses Gefäss, welches eine eigene Form und Tätigkeit hat oder ist, kann sich in den Dienst des Denkens stellen, sich dem Denken unterordnen. Aber auf der Suche nach der richtigen Form «haben wir es manchmal schwer», unsere Gedanken zu formulieren, also Denken und Sprache aufeinander zu stimmen.

Die Sprache ist ein Medium des Denkens.

Wie jedes Medium wirkt sie bestimmend auf dessen Erscheinungsform. Gleichzeitig wird die Sprache vom Denken geformt, mit Sinn und Inhalt gefüllt. Sprache und Denken, Wort und Gedanke zu verwechseln oder das eine dem anderen unterzuordnen, ist ein grober Denkfehler. Es entspricht dem Versuch, zu sagen, dass die Farben die Malerei enthalten oder einer Verwechslung von Musik und ihren Instrumenten. Ölfarben sind nicht das Gemälde, sie sind das Medium, mit dem man malen kann. Die Farben als Material haben ihre eigene Schönheit, aber niemand verwechselt Medium und Bild. So ist es auch mit ­Musikinstrumenten. Celli, Geigen und Trompeten sind wunderbare «Werkzeuge», die Musik aber sind sie nicht.

Abgesehen davon, dass dabei die Wahrheit verfehlt wird, liegt eine andere Verführung in dieser Gleichsetzung. Jeder hat einen eleganten, ästhetischen Satz gern. Aber kluge, wohlformulierte Worte führen leicht zur Verwechslung von Sinn und Bild.

Die Sprache bestimmt ebenso wenig das Denken, wie das Denken die Sprache. Wir haben es mit einem komplexen gegenseitigen Dienen zu tun, in dem das eine als Medium des anderen dient, um dessen Erscheinung zu ermöglichen. Eine Sprache ohne Sinn ist so unerfüllt wie ein Sinn ohne Sprache.

(In der Wahrheit suchenden Tätigkeit des Denkens stellt sich die Sprache in den Dienst des Sinnes, ordnet sich diesem unter. In der Poesie, in der Tat des Dichtens, ordnen sich das Denken und der Sinn der Sprache unter, so dass der Sinn sich in den Dienst der poetischen Erfahrung stellt, in der die Wahrheit nur Medium sein kann.)

 

^

4/7
Elementare Beziehungen
von Wahrheit und Geschichte

Die Sprache führt ein geschichtliches Dasein. Worte verändern ihre Bedeutung und ihren Inhalt. Zeiten und Orte machen bestimmte Erfahrungen und Erlebnisse möglich und diese beleben den Sinn der Sprache, geben Strukturen und Worten einen neuen Sinn. Sie öffnen die Sprache zu neuen Bedeutungen, die vorher nicht zu ahnen waren. Die Beziehung von Wort und Sinn sowie von Wort und Bedeutung ist nicht nur innerhalb jedes Satzes, sondern auch an unterschiedlichen Zeitpunkten und Orten, also im geschichtlichen Kontext, immer eine andere. Wäre der Sinn eine weite Landschaft, dann lebte die Sprache darinnen nicht wie in einer fest gebauten Stadt, sondern wie in einem nomadischen Zeltlager: immer an einem anderen Ort aufgeschlagen, manchmal an den gleichen Platz zurückkehrend, aber nie genau am selben Standpunkt befindlich. Im Konglomerat von Sinn und Sprache habe ich es mit einer fliessenden, quecksilbrigen, ungreifbaren Wirklichkeit zu tun, einer ständig sich wandelnden Beziehung.

Deshalb ist auch das Formulieren und Erscheinen meines Denkens immer geschichtlich bedingt. Ich ­denke und formuliere in einem Medium, durch das meine Gedanken erscheinen (in meinem Bewusstsein sowie auch für Andere). Und dieses hat eine Geschichte, ist Geschichte. Immer unterliegt es den Bedingungen einer gegebenen Sprache, wie auch denen meiner erfindenden Phantasie. Immer denke ich in einem bestimmten Moment, an einem bestimmten Ort. Die Tätigkeit des Denkens findet innerhalb eines Gewebes von Biografie und Geschichte statt. «Stattfinden» muss man hier wortwörtlich verstehen: als «findet einen Ort» oder auch «ereignet sich gerade in einer bestimmten Zeit».

Diese Disposition, das Gewebe von geschichtlichen, kulturellen und biografischen Gegebenheiten, das einer Erkenntnis und deren Formulierungen zugrunde liegt, darf ich nicht mit den Gedanken und der Erkenntnis verwechseln. Habe ich eine Wahrheit erkannt, ist die Erkenntnis unbedingt, also unabhängig von ihrer Formulierung. Die verschiedenen möglichen Formulierungen ein und derselben Wahrheit sowie die Tatsache, dass wir die ausführlichere Bedeutung bestimmter Erkenntnisse manchmal erst Jahrhunderte nach ihrer Formulierung entdecken – oder anders gesagt, dass uns das, was in einer Erkenntnis impliziert ist, erst im Verlaufe einer längeren Zeit bewusst wird – machen es klar: Wahrheit ist, im Unterschied zu ihrem Erscheinungsmedium, nicht geschichtlich, gehört nicht diesem oder jenem Moment an. Das Gedachte und der sprachlich gefasste Gedanke, den wir manchmal als «Begriff» bezeichnen, fallen nie ganz zusammen. Sie enthalten einen kategorischen und permanenten Unterschied.

(Um die Illusion definitiver «Bedeutung» oder definitiven «Sinns» zu vermeiden, habe ich mich dafür entschieden, «Wort», «Begriff» und sogar den halballtäglichen Gebrauch des Wort-Begriffs «Idee» hier so zu benutzen, dass anstatt einer Definition ihr fliessender Unterschied locker ins Spiel gesetzt wird.)

Die Wahrheit einer Erkenntnis ist nie reduzierbar auf ihre Formulierung im Rahmen einer gegebenen Disposition.

Die Beziehung zwischen dem Wie und dem Was eines Wahrheitsausdruckes ist die eines immanenten Unterschiedes. Die geschriebene, ausgesprochene, formulierte Wahrheit unterscheidet sich immer von sich selbst. Sowohl Wortlaut als auch Sinn weisen immer einen Überschuss, ein Unausgesprochenes sowie auch zu «weit» oder zu viel gesprochene Reste bzw. Überreste auf. Gegenüber einer Aussage frage ich nach dem, was gesagt sein will, und nicht nach der Bedeutung der Worte, die an der Aussage beteiligt sind. Bedeutung und Sinn der Worte helfen mir, bilden eine Krücke, decken sich aber nie ganz mit dem Sinn der Aussage.

Erkennen bedeutet gerade, die Wahrheit in Bezug zu bringen zur Formulierung, zum Erkenntnismedium. Also besteht die Erkenntnis aus Sprache und Wahrheit. Diese Unverbindlichkeit, diese lockere Bindung und Unverbundenheit wird an der Tatsache klar, dass wir dieselben Worte zum Erklären verschiedener Erkenntnisse und Begriffe verwenden können.
 
Jede formulierte Wahrheit unterscheidet sich kategorisch von sich selbst, ist «nicht nur so, sondern auch anders». Einzigartig im Bereich des Denkens ist die ­Mathematik (bzw. die formale Logik). Weil diese nur Form ohne Inhalt ist, enthält sie keine Unterschiede. Das Formulierte ist sich selbst gleich, ohne Überschuss: 2×2 ist genau zwei mal zwei, sagt nichts anderes aus als «zwei mal zwei» oder als «vier». (Beide Formen, 2×2 und 4, sind austauschbar, je nach Gebrauch, ohne wesentlichen Unterschied.) Wird aber die Mathematik angewendet – zwei Schafe und zwei Böcke - dann taucht sofort der Unterschied im Denken auf. Es sind nicht nur vier. Verwende ich die Mathematik als Beispiel für das Denken, so benutzte ich gerade den Sonderfall als Beispiel für den Fall selber. Damit umgehe ich die Komplexität der Beziehung zwischen Denken und Welt und ermögliche eine absolute Klarheit, die aber, wie jede Durchsichtigkeit, die Gefahr birgt, leer zu sein und abgesehen von Transparenz nichts zu beinhalten.

(Mathematik und Geometrie können als die klarsten Darstellungen bestimmter Aspekte der Wirklichkeit dienen. Sie sind auf einer Ebene die erhabenste Darstellung. Vergessen wir aber, dass wir es nur mit dem Ausdruck der Wirklichkeit durch die Mittel der Klarheit zu tun haben, dass wir eine Repräsentation vor uns haben, dann verwechseln wir Sinn und Bild. Wir halten das Bild für die Wirklichkeit. Weil das Bild auch den Bereich der willkürlichen Möglichkeiten enthält, kann es mathematisch in sich stimmen, aber nicht der Wirklichkeit entsprechen. So können sich widersprechende mathematische oder physikalische Theorien entstehen, die mathematisch stimmen, aber nicht gleichzeitig die Wirklichkeit darstellen können. Wenn die eine Theorie eine wahre Darstellung ist, muss die andere falsch sein.)

Weil sich, wie oben geschildert, jede formulierte Wahrheit kategorisch von sich selbst unterscheidet, nicht gleichzusetzen ist mit den bezeichneten Begriffen, nicht nur so zu beschreiben ist, sondern auch anders, weist jede Formulierung der Wahrheit, also jeder Begriff, auf eine Reihe von Formulierungen hin, auf eine Begriffsreihe. Ähnlich einer musikalischen Tonleiter, in der der Unterschied als Intervall und Sinn der Musik erklingt, ruft diese Reihe eine Wahrheit hervor, die durch die Aktivierung unterschiedlicher begrifflicher Möglichkeiten einen dynamischen Charakter offenbart. Oder anders gesagt: durch diese Reihe von Begriffen wird der dynamische Charakter jeder Wahrheit freigesetzt. Die Wahrheit wird als nicht festzuhalten, sondern als ein strömendes Geschehen erlebt. Sie wird durch die unterschiedlichen Begriffe offenbar, wie das strömende Wasser, das sich immer wieder, gegen Felsen und Steine prallend, in neuen Formen zu erkennen gibt.

Die Vielfältigkeit der Begriffe, die eine Wahrheit umfassen, weist nicht nur auf die zahlreichen Gesichtspunkte, sondern auch auf den beweglichen und färbenden, also trübenden Charakter der Sprache als Medium der Wahrheit hin. Die Begriffe als Bilder beziehen sich auf die Wahrheit wie zahlreiche Bilder eines Berges auf den Berg. («Die Wahrheit in der Malerei» die Cézanne Emile Bernard in einem Brief vom 23.10.1905 verspricht, ist nie das eine Meisterwerk oder die Aussage, sondern eine lebenslange Wiederholung des Unterschieds, wie die zahlreichen Gemälde des Berges «Mont Sainte-Victoire» die Cézanne ausführt.)

Die Erscheinung der Wahrheit als der dynamische Unterschied zwischen verschiedenen Formulierungen lässt sich in der Differenz zwischen unterschiedlichen Denkerinnen und Denkern erleben, wie auch innerhalb des Denkens jedes Einzelnen.

Wir haben es kategorisch nie mit einer endgültigen Formulierung zu tun, weil Sprache eben geschichtlich bedingt ist und gerade durch ihre relative Bedeutung als Medium dienen kann, während die Wahrheit durch ihre Unbedingtheit zu charakterisieren ist.

Es ist die Relativität der Sprache, die es Worten möglich macht, Träger unterschiedlicher Bedeutungen zu sein. Gerade dadurch, dass das Hervortreten eines Sinns im Wort abhängig ist von anderen Worten und dem Satzbau, ist die gleiche Sprache ein mögliches Medium für das Erscheinen vielfältiger Wahrheiten. Es sind aber gerade diese Eigenschaften der Worte, die nie eine «letzte Definition» oder ein endgültiges Erfassen ermöglichen.

So wie die gleichen Farben eingesetzt werden können, um Verschiedenes darzustellen, ist es auch die lockere und fliessende Identität der Worte, die sie zum geeigneten Träger der Vielfältigkeit einer Wahrheit macht. Dieser veränderliche Charakter, dieses vielfältige Potenzial macht aber den Begriff unstabil, veränderlich, immer nach einer nächsten Formulierung strebend.

Die Formulierungen der Wahrheit, die abweichenden Formulierungen der Wahrheit sind das Medium, in dem sich die Wahrheit durch intervallisches Anderssein ausspricht, sich hören, schmecken, erleben und befragen lässt. Jede spezifische Formulierung differiert von der Wahrheit, die einen allgemeinen, umfassenden Charakter hat. Ihre Abgrenzung durch das Medium einer spezifischen Sprache macht das offensichtlich. So tritt jede Wahrheit gerade in ihrer Verschiedenheit von ihren Begriffen hervor. Auf der einen Seite unterscheidet sich die Wahrheit von jedem einzelnen Begriff, der sie schildert. Auf der anderen Seite weichen diese Begriffe voneinander ab. (Es ist wieder die Mathematik bzw. die Logik, die eine Ausnahme bildet. Gerade weil sie nur Sprache, also nur Formulierung ohne Inhalt ist, lässt sich die Mathematik auf jeden Weltinhalt abbildend anwenden. Auch wenn die Mathematik ihren Ursprung in der erlebten Wirklichkeit hat, ist sie uns gerade deshalb nützlich, weil wir sie vom Ursprung losgelöst, sie entleert und ihr dadurch ihre majestätische Stellung zwischen den Wissenschaften verschafft haben).

Das schöpferische Dasein der Wahrheit, ihr unaufhörliches Hervorbringen unterschiedlicher Variationen ihrer Formulierungen, ist gerade ihre lebendige Kraft, ihre stetige Erneuerungsquelle.

Wer sich die Wahrheit als eine statische, immer gleiche, ewige, sich nie erneuernde «Sache» vorstellt, bildet sich die Ewigkeit als eine Art Lagerhalle ein, in der der im Stillstand stehende Gegenstand immer staubiger wird. Es ist diese Art unterschwelliger Vorstellungen, die uns die Lust an der Wahrheit verderben und das Denken immer wieder geschmacklos erscheinen lassen. Wahrheit ist nicht das, was man finden kann, denn sie ist nirgendwo gelagert. Wahrheit wird durch das ­Denken aktiviert und aktiv erlebt, was nicht zum Finden von Begriffen führt, sondern zu deren Hervorbringung und Erschaffung.

Die Wahrheit, die sich durch das Denken ergibt, verhält sich wie ein schöpferisches Prinzip. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass es in seinen Formulierungen erneuert und bereichert wird. So führt die Wahrheit immer wieder zu neuen Erfahrungen, ohne ihre Identität mit sich selbst zu verlieren.

 

^

5/7
Das Denken und ein
dynamischer Wahrheitsbegriff

Die Wahrheit ist nur in einer hervorbringenden Tätigkeit zu erfassen. Diese nennen wir das Denken. Sie tritt in ihren Formulierungen, die zugleich die Wirklichkeit sind, hervor – also in ihrem unaufhörlichen Gestalten, auf dem Weg von der Einheit in die Vielheit und auch in dem Akt, in dem ich im Denken die Wahrheit, im Unterschied zu dem, was sie war, von Neuem formuliere.

So ist die Wahrheit auf zwei ineinander verwobenen Ebenen zu erfahren: in ihren neuen Formulierungen und in ihrem Unterschied zu den vorigen Formen der Wahrheit.

Anders gesagt: die Wahrheit ist der Weg, durch den eine formende Tätigkeit sich unaufhörlich als Vielfalt ausdrückt. Sie ist ein schöpferisches Prinzip, welches nicht ohne seinen Schöpfungsakt zu begreifen ist (weil es eben dieser ist). Oder wieder anders formuliert: eine Gesetzmässigkeit, die nicht Gesetzmässigkeit von etwas ist, sich also nicht vollzieht, existiert nicht, kann nicht als Wahrheit erkannt werden. Denn die Wahrheit ist eben ein gestaltendes Wirken und als solches die Gestalt der Wirklichkeit. Dieser dynamische Charakter des Gesetzmässigen, das Hervorbringen des Singulären, ist auch in der ­Gestalt der Wahrheit zu finden, die sich zum Begriff verhält wie eine Gesetzmässigkeit zu den Phänomenen.

Gegenüber der am Denken erlebten Wahrheit sind meine Vorstellungen nur Standbilder, statische Formulierungen, die ich für die Wahrheit halte, die aber eigentlich nur ein zeitlicher, begrenzter Ausdruck eines «Perpetuum Mobile» sind.

Was etwas ist, kann nur bedeuten, wie es als Tätigkei­t, Wirken, Handlung ist.

Eine Handlung aber setzt immer einen Handelnden voraus, jemanden, der etwas tut, also sich auf eine bestimmte Weise verhält. Darum müssen wir von «Verhalten» sprechen. Die Wahrheit, nach der wir im Denken fragen, d.h. wie etwas wirklich ist, bedeutet wie und was es tut, wie es sich verhält. Also ist die Wahrheit das Erkennen des Verhaltens dieser Sache. Oder besser und anders formuliert: das Wesen und Wesentliche einer Sache, was sie zu dem macht, was sie ist, ihre Identität, ist ihr Verhalten.

Das Formulieren des Verhaltens durch das Denken bezeichnen wir als das Erfassen der Gesetzmässigkeit. Diese ist ein aus dem Geschehen extrahiertes, sich wiederholendes Verhaltensmuster.

Die Gesetzmässigkeit stellt den wirkenden Gedanken in dem Mass dar, wie sein Verhalten sich wiederholt. Sie enthält nicht die Unterschiede zwischen den verschiedenen Wirkens-Ereignissen eines gleichen Verhaltens, sondern bündelt die Ähnlichkeit, das sich Wiederholende.

(«Der Unterschied zwischen den verschiedenen Wirkens-Ereignissen eines gleichen Verhaltens…» lässt sich auch nicht durch eine Kombination verschiedener Gesetzmässigkeiten erklären. Er ist immer ein Überschuss, eine Einmaligkeit. Die Schönheit eines einzelnen Sonnenaufgangs oder der Geruch einer Rose früh am Morgen lassen sich nie als die Summe der Naturgesetze erfassen. Das Einmalige ist nicht die Summe des Allgemeinen, sondern radikal anders.)

Das formulierende Denken hebt das einmalige Verhalten in einer Allgemeinheit auf. Es abstrahiert die Spezifität des vielfältigen Geschehens, um dessen Einheit zu erfassen und in begrifflicher Sprache zu formulieren.

Versuche ich, die Wahrheit zu definieren, der Gesetzmässigkeit eine klare Grenze zu setzen, sie also zu «verenden» («de-fin-ieren»), erhalte ich Begriffe, die zwar bequemer zu gebrauchen sind, aber ihre Wirklichkeit, ihren hervorbringenden Charakter verloren haben. Ich habe also abstrakte Begriffe, die leblos sind, aber nützlich sein können. Wir entziehen der Wahrheit ihre schöpferische Potenz, definieren sie als das, was sie war, anstatt als all das, was sie sein kann, was im Werden ist.

Ohne ihren schöpferischen Aspekt, ohne als Wirkendes gedacht zu werden, ist die Wahrheit ein Begriff ohne Welt, ohne Wirkung und Wirklichkeit: stimmig in sich, aber nur noch in Bezug auf andere Begriffe gültig, also nur mathematisch-geometrisch-logisch. Es entstehen Meta-Begriffe, die sich nur noch auf andere Begriffe oder Worte beziehen, eine Art Grammatik oder besser gesagt eine grammatische Maschine, die Begriffe und Worte aufeinander bezieht, ohne dass diese einen Bezug zur Weltwirkung und zum Verhalten haben.

Es ist die Aufgabe des Denkens, die erkannte Wahrheit vor der Illusion der Endgültigkeit zu bewahren, ohne das Anerkennen ihrer ewigen Wirksamkeit zu verlieren.

Die Wahrheit verhält sich nicht wie schwarz und weiss – abgesehen von dem mathematisch-binären Fall –, sondern wie Farbe: nicht wirklich messbar, qualitativ, veränderlich in jeder Beleuchtung, ohne dass es «das endgültig richtige» Licht gibt. Das Licht des Denkens, durch das die farbige Wahrheit sichtbar wird, enthüllt sie «in immer neuem Licht», sieht und zeigt sie also in neuen Farben und Tönen. Was nicht bedeutet, dass es nicht auch Nebel, Dunkelheit und falsches Licht gibt.

Das auf den Begriff zielende Denken strebt nach dem Einheitlichen und Unveränderlichen. Dieses aber versetzt mich immer in das Allgemeine, also in eine Wahrheit, die sich in ihrer Bewegungsrichtung von der Wirklichkeit entfernt. Strebt aber das Denken danach, die Wahrheit als eine sich wandelnde, metamorphosierende Erfahrung zu begreifen – nach dem, was ich zusammenfassend als einen «dynamischen Wahrheitsbegriff» bezeichnen will –, so entfalten sich im Denken die unendlichen Unterschiede, die ein Begriff enthält bzw. hervorbringen kann. Jetzt bewegt sich die Wahrheit in Richtung der Wirklichkeit, geht in deren Zentrum auf, denkt ihre Potenz, ihre kommenden Möglichkeiten.

Kehre ich zurück zum Begriff, so kann ich erfassen: erkenne ich die Wahrheit als jenes, was etwas zu dem macht, was es selbst ist, dann weise ich gleichzeitig darauf hin, dass die Wahrheit als Wirksamkeit die Dinge hervor bringt, dass sie also als schöpferisch erkannt werden muss. So gedacht ist der Begriff eine Formulierung dieses Verhaltens im Nachhinein.

Ein Denken, welches an dem produktiven, also schöpferischen Charakter der Wahrheit/des Begriffes/des Wesens orientiert ist, wird Willens-Charakter haben.

Ein Gedanke oder ein Begriff ist also eine Erkenntniseinheit, die zahlreiche Unterschiede hervorbringen kann, ohne dass sie ihre Spezifität als ein bestimmter Begriff verliert.

Anders formuliert: Sowohl Erkenntnis als auch Wesen sind das, was in der Welt da sein kann, so dass es sich von sich selbst unendlich unterscheidet, ohne dabei aufzuhören, identisch mit sich selbst zu sein.

Wir können das Wesentliche des Erkennens und Formulierens von dynamischen Begriffen und Gesetzmäßigkeiten in einer Analogie zur Jazz-Musik denken. In jedem Jazz-Stück gibt es ein Motiv. Es kann sich z.B. um einen populären Song handeln. Dieses wird in zahlreichen unterschiedlichen Variationen, vorwärts, rückwärts und in verschiedenen improvisierten und geplanten Wandlungen gespielt. Ist das Wesentliche das ursprüngliche Motiv, welches immer anwesend ist oder die zahlreichen möglichen Variationen, die daraus ein gutes Stück Jazz-Musik machen?

(Beginne ich die Wahrheit als ein dynamisches Ereignis zu begreifen, bekommt die Formulierung von Paul Klee «Ich stelle das Werden über das Sein» eine neue Dimension. Und Gilles Deleuzes Beobachtung, dass «der Philosoph ein Künstler ist, der Begriffe schafft», steht auf einem konkreten Boden in der Natur der Wahrheit und Erkenntnis.)

 

^

6/7
Wahrheit und Kausalität

Ist die Wahrheit immer im Werden, dann ist sie nie gegeben, sondern findet statt. Das Werden denken bedeutet, dass wir unsere Aufmerksamkeit vom Begreifen der Wahrheit als Identität (was etwas ist) zur Wahrheit als Wirklichkeit (wie etwas ist, also gestaltend wirkt) verschieben.

Ist Wesen ein Verhalten, dann ist die Wahrheit wesentlich die Form und Art eines Wirkens.

Als Wirkendes ist Wahrheit Wirklichkeit, also jenes, was handelt, wenn etwas sich im Werden befindet und es zu dem macht, was es ist. In diesem Sinn ist sie die Entfaltungs- und Entwicklungsrichtung, das bestimmende Ziel. In dem Mass, wie die Wahrheit sich vollzieht, wird sie sinnvoller, gehaltvoller, also wahrer.

Im Werden ist die Wahrheit wesentlich.

Als bestehende Identität ist Wahrheit eine Abstraktion. Sie wird zu dem, was etwas ist, abgesehen von seinem «Stattfinden und Verhalten», also in einem theoretischen, momentanen Stillstand. Wahrheit-Sein ist nur als sich wandelnde Wirksamkeit real, also wahr. Ein reales Denken wird immer wieder die tätige Kraft der Wahrheit in ihrer lebendigen Beziehung zwischen theoretisch-provisorischer Identität und Wandlung suchen.

Die Wahrheit einer Sache wird erfasst in der Weise, wie sich Wesen und Sache unaufhörlich von sich selbst unterscheiden. Dieser Unterschied ist die reale Identität der Wahrheit und lässt sich so wenig festhalten, wie der besondere Klang eines Trompetenspielers. Der einmalige Klang eines begabten Musikers ist die Weise, in der sich die Singularität seines Spielens immer wieder wandelt. Obwohl der Musiker immer etwas anderes spielt, höre ich seinen «Klang» hindurch, unaufhörlich sich von dem Stück auf der einen und von sich selbst auf der anderen Seite unterscheidend.

Mit dieser Erfahrung des Wandels schliesse ich mein Denken der Erfahrung der Zeit an.

Das, was nacheinander stattfindet, ist ein zeitliches Geschehen und konfrontiert mich mit der Frage der Kausalität. Inwieweit hat eine Tat-Sache ihre Ursache in etwas Anderem? Oder umgekehrt: was meine ich, wenn ich sage, dass dieses wegen jenem geschehen ist?

Die Frage «wie/was etwas ist» und die Frage «warum es so ist» sind getrennte Fragen, die auf zwei verschiedene Arten von Wahrheit hinweisen. «Warum hat es stattgefunden?» «Weil dieses und jenes so und so war». Wir akzeptieren Kausalität als Erklärung, also als Erkenntnis darüber, wie etwas ist, ohne zu merken, dass sie nur das «warum» beantwortet, nicht aber das «wie etwas ist». Erklären wir, warum es kalt ist, so erklärt uns dies nicht, wie es kalt ist, was «kalt sein» ist.

Denken wir in Ursache und Wirkung, dann verschieben wir die Erklärung eines Phänomens auf ein Vorangegangenes. Im Unterschied zum logischen Denken, in dem eine geschlossene Einheit im Voraus gesetzt wird (wenn x=0.5y dann 2x=y, aber auch umgekehrt), bildet das kausale Denken eine offene Reihe, die sich immer mehr von der Frage zu entfernen scheint.

Ursache und Wirkung sind in einer Reihe angeordnet, in welcher der Sinn jedes Gliedes immer in einer vorherigen Tatsache zu finden ist. Diese ist nicht einer geschlossenen, logischen Wahrheit zu entlocken, sondern lässt sich nur durch Beobachtungen feststellen. Darum soll Kausalität als eine Art empirisches Denken bezeichnet werden. (Im Denken verhält sich das Logische wie ein Kreis, das Empirische wie eine Gerade.)

Diese Art von praktischem Verstand hat soweit eine Berechtigung, als es sich um relative Ursachen handelt. Fragen wir nach der absoluten oder ersten Ursache, dann kommen wir an die Grenze des kausalen Erklärens. Die Ursachen werden dann bis zu einer ursachenfreien ersten Ursache zurückverfolgt und diese lässt sich nicht kausal erklären. Sie ist nur im allgemeinen Sinn für die Anfangsfrage relevant und bildet in sich eine andere, nicht kausale Art von Frage.

So wie das logische Denken eine radikale Möglichkeit des Denkens ist, indem es sich kreisförmig und tautologisch ganz in sich schliesst, die Wirklichkeit ignorierend, so ist das kausale Denken eine Art des Denkens, die sich der äusseren Verwandlung ganz öffnet. Linear und reihenförmig folgt eine Änderung der Vorigen, ohne auf eine gemeinsame wesenhafte Richtung zu deuten. Sinn und Ursache entfernen sich mit jedem Schritt der Reihe voneinander. Mit jedem Schritt haben die Ursachen weniger Bedeutung. Die «Folge» nach der wir fragen, verliert mit jeder Entfernung jede sinnvolle Beziehung zu ihrer Ursache.

Wollen wir das Kausale von seiner Relativität be­freien, also die Dinge in Bezug auf ihre Wahrheit befragen, dann müssen wir einmal den Ursachen bis zu ihrem Anfang im Ursachenlosen folgen. Gelingt uns dies nicht, dann sollten wir aufgeben, nach einem Unbedingten zu streben und die Wahrheit für relativ erklären.

(Wir können die relative Kausalität der Wahrheit so illustrieren: «Das Wasser kocht, weil es auf hundert Grad erhitzt wurde. Es wurde erhitzt, weil ich den Knopf gedrückt habe. Ich habe ihn gedrückt, weil ich einen Kaffee will. Ich will einen Kaffee, weil ich einen Text schreiben will… usw. Also kocht das Wasser, weil ich z.B. einen Text schreiben will».)

Zu Beginn klären wir, was wir unter Kausalität verstehen. Kausales Denken bedeutet, dass alles seinen Grund hat oder dass nichts ohne Ursache ist.

Also alles ist aus einer vorherigen Ursache heraus erklärbar. «Was jetzt stattfindet, ist wegen dem, was vorher stattgefunden hat, geschehen.“

Jede Ursache scheint ihre Ursache zu haben, die ihrerseits eine Ursache hat. Wie aber beginnt es? Was ist die erste Ursache, der erste Grund?

Bei genauem Nachdenken ergeben sich drei kategorische Möglichkeiten des Beginns:

Es gibt einen ersten Grund, eine Ur-Ursache. Weil alles einen Grund hat, muss die erste Ursache ihren Grund in sich haben.

Die Wirklichkeit ist ein Kreis, in dem Ursache und Wirkung sich drehen. Wenn es eine «letzte Wirkung» gäbe, wäre diese die Ursache der «ersten Wirkung» usw.

Die Reihe der Ursachen erweitert sich bis in die Unendlichkeit. Wir können immer noch einen Schritt rückwärtsgehen und eine «vorige Ursache» erkennen.

Der erste Gedanke ist leer, denn wenn etwas seinen Grund in sich hat, kann es kein Grund sein für das «Was» oder «Wie» etwas ist, weil die Ursache eben ein Teil dessen ist, was es ist. Also hat es keine Ursache, sondern ist einfach wie es ist. Wenn das wahr ist, dann hat nicht alles einen Grund.

Dreht sich die Wirklichkeit in einem sich wiederholenden Ursache-Wirkung-Kreis, so sind wir bei der ewigen Wiederholung des Gleichen. In diesem Fall ist jedes Ding oder Geschehen die Ursache von sich selbst, also gibt es keine Ursache, keinen Grund (wie ich im vorigen Satz gezeigt habe).

Erweitert sich die Reihe ins Unendliche, d.h. gibt es immer eine vorige Ursache bis ins Unendliche (die dritte Möglichkeit), dann ist der Grund immer ein anderer, ein voriger, also nicht selber der Grund und damit nicht der Grund. Eine unendliche regressive «Verschiebung» des Grundes entwertet die Ursache. «Es ist auf ewig immer noch nicht die Ursache.» Also gibt es keine endgültige Ursache, keinen Grund bzw. keine Ursache.

Ist das der Fall, d.h. sind alle drei erwähnten Beziehungen zum Urgrund unmöglich, so müssen wir feststellen, dass der Gedanke «nihil est sine ratione» («nichts ist ohne Grund») ein Fehler ist, ein unbewiesenes Axiom, das weder die Prüfung des Denkens noch die der Wirklichkeit bestehen kann.

Der Sinn dieser Erkenntnis ist: es kann etwas stattfinden oder geben, das keine Ursache, keinen Grund hat.

Es ist schwierig, das Ursachenfreie zu finden oder gar unserem Denken an dieser Stelle zu vertrauen. Wir tendieren dazu, die Ursache als Erklärung und Begründung aufzufassen, als die wichtigste Klärung dessen, was wesentlich ist. Etwas ohne Grund und Ursache scheint uns ohne Sinn zu sein, also schwer oder sogar unmöglich zu benennen. Das, was keinen Grund hat, scheint uns wesenlos zu sein.

Schlicht gesagt: wir sind gewohnt, Ursache und Sinn, also auch Grund und Wesen zu verwechseln. Meistens denken wir zweckmässig, hier aber zwingt uns das Denken, diese Gewohnheit aufzugeben.

Wir bezeichnen das, was keine Ursache hat, was nicht «wegen diesem oder jenem» stattfindet, als unbedingt. Als solches erkennen wir eine Art der Liebe – die Liebe, die unbedingt ist und nichts bedarf, die frei von Begehren, also asymmetrisch ist. («Ich liebe und meine Liebe ist weder von den Gefühlen noch vom Verhalten des Anderen bestimmt.»). Dieses verbrauchte Wort, Liebe, bezeichnet hier also eine Verantwortung, die in keiner Pflicht, keiner Schuld und keinem Gewinn verankert ist.

Diese Art der Liebe hat keinen Grund, keine Ursache, keinen Sinn. Man kann nicht so lieben, um etwas zu erreichen, weil man etwas will. Will man etwas, dann ist es Begehren. Liebt man wegen etwas, dann wird es «Liebe auf Bewährung», untersteht einigen Vorschriften, ist also von einer Befriedigung bedingt und ist nicht das, was oben unter Liebe verstanden wurde.

Also: Liebe in diesem Sinn hat keine Ursache, keine Notwendigkeit, keinen Grund.

Das, was grundlos ist, also von Grund und Ursache frei, wirkt als der Urgrund von Allem. Es steht, selber unbedingt, als Erstes in der «Kette der Dinge» in der Ursachenreihe.

Das Grundlose allein kann die Ursache und der Urgrund von allem Bedingten sein. Es ist die Urbedingung.

Wenn ich denke, erkenne ich die Liebe als Ursache und Grund aller Dinge. Also ist die Liebe auch die Ursache und der Grund des Hasses und des Bösen.

Die Möglichkeiten des Bösen, des Guten und der Freiheit sind mit dem Anfang der Ursache verknüpft. Gut und Böse sind Möglichkeiten, welche die Liebe als ihre Ursache haben.

Nur beim Übergang von der grundlosen Tiefe der ursachenfreien Liebe – die, weil grundlos, unendlich tief ist – zum begründeten und verursachten Handeln, entsteht die Möglichkeit des Bösen und aus diesem heraus das Gute. Als Folge davon entsteht die Frage nach der Freiheit.

Es ist die Entfernung des Handelns vom unbedingten, ursachenfreien Grund, entlang der Kette der Ursachen, die den Grad der Unbedingtheit, also der Freiheit eines Verhaltens bestimmt.

Die Liebe in diesen Sinne als unbedingtes Interesse und Verantwortung, als unbedingte Verbundenheit, ist Ende oder Anfang der Ursachenkette. Sie führt uns als Denkende aus dem kausalen in das wesentliche Denken.

Als erste Ursache liegt sie natürlich auch dem Denken zugrunde, ist dessen Ursache und Grund.

 

^
 

 

7/7
Denken und Liebe

In welchem Sinn ist das Denken in der Liebe verankert, so dass wir sagen können, dass Liebe seine Ursache ist?

Wie das Denken ist, lässt sich nur im Nachhinein fragen, nachdem wir eine Weile gedacht haben ­(siehe 2. Ka­pitel). Ich gehe denkend dem Wesen des Denkens nach, frage nach seiner Wahrheit, also nach dem Verhalten des Denkens.

Denken beginnt immer mit einem Anderen, mit etwas, worüber ich denke, mit einem Unterschied, also mit einem Aussen. Sogar wenn ich über mein eigenes Denken denke, wenn ich mich frage «wie denke ich?» kann ich nicht über den Akt des Denkens, den ich gerade ausführe, denken. Ich muss mich einem anderen Denk-Akt gegenüberstellen, ihn als von mir getrennt denken.

Das Denken führt mich also immer aus mir heraus, über mich hinaus, zu etwas, das sich von mir zuerst abgrenzt oder von mir ausgegrenzt wird. Denke ich über «meine Hand», «mein Herz», «meine Gefühle» oder sogar «meine Gedanken», dann sind sie «mein» als etwas, das nicht ich zuerst bin (ich, der gerade jetzt denkt), sondern das als Besitz von mir gesondert ist, zumindest während ich darüber denke.

Das Gleiche gilt in Bezug auf alles, was um mich ist. Ich kann darüber denken, weil es, zumindest was mein Bewusstsein angeht, als von mir gesondert, als nicht ich, sondern ein Anderes, als Welt, Umgebung, Natur
erfasst wird.

Die Tatsache, dass ich mich als eins mit der Welt, als in der Welt verankert, als von der Welt untrennbar denken kann, ist hier irrelevant. Für mein bewusstes Erkennen bildet die Welt zuerst ein Unbekanntes, also ein Anderes. Das Denken setzt immer ein Unbekanntes bzw. Unerkanntes voraus.

Also ist Denken ein Akt, der mich die Entfernung zu einem Anderen überqueren lassen kann, so dass ich es in dem, wie es ist, erkennen kann. Es ermöglicht mir, das Verhalten des Anderen zu begreifen, zu erkennen, nachzuvollziehen.

Anders formuliert: während ich denke, vermag ich meine Entfernung von dem Anderen so zu überqueren, dass ich dessen Verhalten, so weit wie ich es erkenne, in meinem Bewusstsein nachvollziehen kann. Ich kann es so durchschauen, dass es für mich geklärt ist.

Was bedeutet aber «lernen» oder «wissen»? Was meine ich, wenn ich sage, dass ich etwas erkannt habe?

Wenn ich erkannt habe, wie man einen Kreuzknoten bindet, dann kann ich ihn selber binden. In dem Mass, wie ich erkannt habe, wie man Salsa tanzt, kann ich selber tanzen. Wenn ich erkannt habe, wie man Zahlen multipliziert, kann ich selber rechnen. In dem Mass, wie ich erkannt habe, wie jemand Anderes denkt, kann ich seine Gedanken selber denken.

Es kann aber sein, dass meine Hände gelähmt sind und ich zwar erkenne, wie man einen Kreuzknoten bindet, es aber selber nur mit den Augen oder in meiner Vorstellung verfolgen, den Knoten jedoch nicht selber binden kann. Das Gleiche gilt für jede Tätigkeit, die ausserhalb meines Bewusstseins liegt.

Das Rechnen oder das Denken eines Anderen dagegen habe ich nur in dem Mass erkannt, wie ich es selber ausführen kann. Sage ich: «Ich verstehe, wie man multipliziert, aber kann es selber nicht» bedeutet das, dass ich es noch nicht erkannt habe. Meine ich: «Ich habe dich verstanden, aber ich kann deinen Gedanken nicht folgen und sie nicht in meinen eigenen Worten wiedergeben», dann habe ich noch nicht ganz erkannt.

Das, was innerhalb meines oder eines Bewusstseins liegt, was das Denken angeht, habe ich nur erkannt, wenn ich es selber tun kann, wenn ich es nachmachen, imitieren, nachvollziehen kann.

Das Erkennen dessen, was ausserhalb des Bewusstseins, im Handeln oder in der Natur liegt, ist die Fähigkeit, demselben mit dem Bewusstsein zu folgen, es mit den Mitteln und dem Medium des Denkens, zuerst durch die Sprache, nachzuahmen. Meine ­Fähigkeit und Möglichkeit, es über das Denken hinaus zu vollziehen oder zu tun, hängt von der mir zu Verfügung stehenden Konstitution ab. Jemand, dessen Hände gelähmt sind, kann erkennen, wie ein Knoten gebunden wird und es sogar erklären, so dass ein Anderer ihn bindet, ohne dass er selbst ihn binden könnte.

Erkennen bedeutet, sich dessen bewusst zu werden, wie etwas stattfindet, wie es gemacht wird, sich verhält, und es denkend tun zu können, es zu vollziehen.

Wie der Andere sich fühlt, wie die Planeten sich drehen, wie eine Pflanze wächst, das vollziehe ich denkend und schreibe dadurch die Sprache um. Diese ist das Medium, welches diesen Akt in meinem Bewusstsein gespiegelt erscheinen lässt. Ich kann mein Denken in der Sprache reflektiert erleben, es mitteilen, es wissen.

Wie jeder Spiegel ist auch die Sprache nicht durchsichtig, so dass ich denkend den Sinn des Gesagten ergreifen muss. Das Formulierte ermöglicht dem ­Denken, sich seiner selbst bewusst zu werden. Wenn ich spreche oder schreibe, «sehe und höre» ich, was ich denke. (Dies bedarf einer gewissen Vorsicht. Spiegel, wie wir alle wissen, zeigen die Sachen spiegelverkehrt und das kann manchmal «falsch» erscheinen).

An der Sprache erlebe ich gespiegelt, was mein Denken geformt hat, also das an der Welt und dem Anderen Erlebte und Nachvollzogene. Wie aber erfahre ich diese Quelle des formenden Impulses (das Andere), welche meine Gedanken durch das Denken formulieren? Wie komme ich aus mir heraus?

Gebrauche ich nur die Sinne, dann würde die Wirklichkeit immer nur so erscheinen, wie sie für mich, von meinem Gesichtspunkt aus ist – physisch als Standpunkt und seelisch als anziehend oder abstossend. Ich hätte nie die Welt, wie sie selbst ist, erkannt, sondern nur wie sie für mich ist (was oft genug stattfindet – immer wenn ich wahrnehme und vorstelle, ohne aktiv zu denken).

Wenn das Denken über mich hinausführt, dann muss ich meinen Gesichtspunkt, das Subjektsein aufgeben. Ich forme die Gedanken nicht so, wie ich bin, sondern so, wie das was ich erkennen will, ist. Ich mache sein Verhalten, seine Stellung in der Welt, seinen Standpunkt zu meinem, ich gehe darin auf.

Hier bedeutet «aufgehen» auch erwachen. Ich wache im Anderen auf. Der Inhalt meines Bewusstseins ist nicht mehr ich, sondern ein Anderes. Ich muss, wenn auch nur für einen Augenblick, auf mein Subjektsein verzichten, um das, was das Andere «angeht» zu meiner «Angelegenheit» zu machen. Für einen kurzen Erkennens-Moment bin ich, zumindest was mein Bewusstsein angeht, Du, der Andere, das, was zu erkennen ist. Ich bin in Selbstverlassenheit, aber völlig aktiv, meiner selbst als die Tätigkeit eines von mir Abgesonderten, eines Fremden, bewusst.

Im Denken bin ich ein Fremder. (Ich denke, also bin ich, aber nicht ich selbst.)

Die Fähigkeit, sich unbedingt und ganz in den Dienst des Anderen zu versetzen, aus mir herauszurücken und seinen Willen zu dem meinigen zu machen, von seinem Gesichtspunkt aus zu sehen, zu handeln, ihn nicht mehr auszugrenzen, sondern mich in ihm enthalten zu erleben, diese Fähigkeit, die als Grundbedingung des Denkens zu erkennen ist, die nennen wir Liebe.

Liebe ist der einzige Impuls, der aus seiner Unbedingtheit zu einer unbedingten Erkenntnis führen kann.

Wenn das Denken nach der Wahrheit fragt, also nach der Weise, wie die Welt ist, dann ist die ­Liebe die einzige Kraft, die dem Erkennen zugrunde liegen kann. Als Denken wird es die Fähigkeit, sich selbst hinter sich zu lassen, wesentlich auszuwandern, um in einem Anderen erkennend aufzuwachen.

 

^

Nachwort

Wer sich durch dieses Werk hindurchgearbeitet hat, weiss aufgrund des Inhaltes, dass es kategorisch von Neuem geschrieben werden muss, dass die Formulierung des Denkens immer nur eine Formulierung ist, die eine nächste hervorbringen soll. Also ist es dringend nötig, diese Gedanken neu zu formulieren. Und gleichzeitig ist es völlig überflüssig. Das Lesen ist gerade dieser Akt, in dem Sprache und Ideen ihren Rohstoffcharakter preisgeben und uns einladen, sie in jedem Lesen neu, anders zu erkennen und gestaltend zu begreifen.

Ja, die Formulierung der Gedanken in diesem Werk ist bei weitem nicht erschöpfend und natürlich, wie jede Formulierung, nicht endgültig. Ja, es sollte wieder geschrieben werden, aber auch nein, es muss es nicht. Dort, wo das Schreiben gescheitert ist, da soll das Lesen gelingen.

 

^

Zvi Szir

Meine Name ist Zvi Szir, ich bin 52 Jahre alt und Mitbegründer der neueKUNSTschule, Basel. Ich unterrichte Malerei, Geisteswissenschaft, Gegenwartskunst und Denken. Ich stehe seit 20 Jahren täglich vor meinen Studenten, halte Vorträge und Seminare in zahlreichen und unterschiedlichen Zusammenhängen in Israel, China und den USA. Ich male und schreibe, veröffentliche und stelle selten aus. Ich forsche.

Kontakt
zvi.szir@neuekunstschule.ch

 

^